Der Altmeister der Seelsorge und individualpsychologischen Beratung, Reinhold Ruthe hat in einem kurzen Gastbeitrag ein paar Grundsätze der Kommunikation in der Ehe zusammengefasst, die zu lesen lohnen. Für Mitglieder auch als Download erhältlich.


In den Human- und Sozialwissenschaften gilt:

• dass der Mensch ein soziales Wesen ist,
• dass er Beziehungen braucht,
• dass er ohne Kommunikation verkümmert.

Die Bibel drückt es unmissverständlich aus: “Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei,“ (l. Mos.2/18). Er sucht Menschen, die ihn verstehen, die Kontakte pflegen, die sich kümmern, die Partnerschaft praktizieren.

Der amerikanische Therapeut Paul Watzlawik formulierte: “Der Normalfall der Kommunikation istdas Missverständnis.“ (In. Entscheidung, 3/2013 , S. l9)

Von der Wortbedeutung hängt das Wort Ehe mit dem mittelhochdeutschen 'eija‘ zusammen. Es bezeichnet den befriedeten Raum einer Gemeinschaft. Zwei Menschen, die sich wahrnehmen. kommunizieren miteinander- und zwar mit Worten und ohne Worte. Und weil es auf der Welt keine zwei Menschen gibt, die völlig übereinstimmen. gibt es Missverständnisse. Nur etwa I0 % aller Kommunikation verläuft auf der sachlichen Ebene. der Rest spielt sich auf der Gefühlsebene statt. Was einer sagt. wird oft nicht gehört. Was nicht gehört wird, wird oft auch nicht verstanden. Und was verstanden wird. damit muss der andere noch nicht einverstanden sein. Darum gibt es so viel Streit, soviel Auseinandersetzungen und Ehescheidungen. Was können beide Partner tun?

1. Das Wir  muss im Mittelpunkt stehen.

Die Ehe sollte ein Duett verkörpern und kein Duell. Nicht das lch steht im Mittelpunkt, sondern das Wir. Es geht nicht um Egoismus, sondern um Altruismus, nicht um Selbstiiebe, sondern um Nächstenliebe. Die Wir- Sprache demonstriert, ob wir füreinander und miteinander denken, fühlen und planen. Wir-Wörter beziehen den anderen mit ein. Leider leben wir in einer wachsenden Single - Gesellschaft. Hamburg wird als Single - Hochburg angesehen. In fast jedem zweiten Haushalt (48%) lebt nur eine Person. (in : Der Spiegel,46/ 2008‚ S. 223)

Wie lauten die Hauptgründe?

• Angst vor Nähe,
• Vereinsamung,
• zunehmende Bindungsunfähigkeit.

2. Beide müssen ihre Ergänzungsmuster kennen lernen

Die meisten Ehepaare spiegeln ein Schlüssel- Schloss— Verhältnis wieder. Sie ergänzen sich wie Topf und Deckel. Die Ergänzung beinhaltet Bereicherung und Konflikt zugleich. Was sind Ergänzungsmuster?' Der Fragende steht dem Antwortenden gegenüber, der Unsichere dem Sicheren, der sich Anlehnende dem Starken, der Abhängige dem Unabhängigen, der Ratlose dem Rat Gebenden, usw. usw. Beide haben sich gesucht und gefunden. Beide spielen perfekt zusammen. Einer braucht den anderen, einer benutzt den anderen, einer spielt dem anderen in die Hände. Aber der Punkt der Anziehung ist der Punkt des Konfliktes. Je aktiver der eine, desto passiver der andere, je langsamer der eine, desto schneller der andere. Je egoistischer und eigenverantwortlich einer handelt, desto heftiger die Auseinandersetzungen.


3. Welche Zwecke und Ziele verfolgt ein Partner?

Jeder Mensch verfolgt unbewusst versteckte Zwecke und Ziele. In Beratung und Seelsorge spielt dieser Punkt eine Hauptrolle. In der Ursprungsfamilie wurden diese weitgehend unverstandenen Wünsche und Ziele eintrainiert. Je offener und klarer diese versteckten Wünsche und Ziele voreinander genannt werden können, desto eher können sie im Glauben mit Gottes Hilfe korrigiert werden. Ein gesundes Wir will Partnerschaft und Gemeinsamkeit, will füreinander da sein, will beidseitige Zufriedenheit.


4. Die Kommunikation ist gut, wenn Geben und Nehmen sich einigermaßen die Waage halten.

Der Kardinalsatz Alten und Neuen Testamentes heißt: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das gilt auch für die Ehe. Wer sich selbst nicht liebt und bejaht, kann auch den anderen nicht lieben und bejahen. Nur wer den anderen voll bejaht und voll akzeptiert, liebt ihn wirklich. Liebe beinhaltet Geben und Nehmen, schenken und beschenkt werden, Gelten und Geltenlassen. Liebe ist ein Geschenk Gottes. Wer sie lebt und praktiziert, wird selbst geliebt und bereichert. Liebe kostet Arbeit. Liebe ist in erster Linie ein Tätigkeitswort. Liebe ist nicht in erster Linie ein Gefühl. Beide müssen das Gefühl haben, dass sie sich ergänzen. Jeder findet seinen Reichtum nicht in sich selbst, sondern im anderen. Wer seinen Partner ummodeln und erziehen will, liebt ihn nicht. Das Gelingen in der Ehe hängt nicht in erster Linie von der Partnerwahl ab, sondern von dem gemeinsamen Willen, eine gute Beziehung aufzubauen. Gott muss immer der Dritte im Bunde sein, so können Herrschsucht, Besitzgier, Egoismus, Eifersucht und Rechthaberei abgebaut werden.

(R. Ruthe)