Menschen begleiten

Buchvorstellung von Dr. Martina Kessler zu

Kessler, Martina; Schäfer, Werner & Utsch, Michael (Hg.) 2018. Menschen begleiten: individuell – ganzheitlich –geistlich. Geschichte, Methoden und Beispiele der Therapeutischen Seelsorge. Münster: LIT. Preis: 34,90 €

Psychologisches Wissen ist heute auf vielen Arbeitsfeldern gefragt. Nicht nur zur Behandlung neurotischer Störungen und bei der Beratung von Menschen, die mit sich selber und ihrem Alltag alleine nicht mehr zurechtkommen, sind psychologische Einsichten unverzichtbar geworden. Auch in der Wirtschaft, der Personalführung, dem Sport und natürlich zur individuellen Persönlichkeitsentwicklung, Stressbewältigung und Verbesserung der zwischenmenschlichen Beziehungen wird Psychologie hilfreich eingesetzt. Diesen Trend verdeutlicht auch die Anzahl von verkauften Büchern. Die Nachfrage nach psychologischer Lebenshilfe ist enorm hoch. Ein Drittel des Buchhandels-Umsatzes in der Kategorie „Ratgeber“ fällt heute in die Rubrik „Gesundheit – Spiritualität – Lebenshilfe“. Psychologisches Wissen verspricht Aufklärung, Verständnis und Hilfe für sich selber im Umgang mit negativen Gefühlen. Sie liefert Methoden zu einem besseren Kontakt mit sich selber und anderen und beschreibt Wege zum Wohlbefinden. Das 20. Jahrhundert wird von manchen Historikern/-innen als „Jahrhundert der Psychologie“ charakterisiert. In nur wenigen Jahrzehnten gelang der Wissenschaft vom menschlichen Erleben und Verhalten der Sprung von einem akademischen und gesellschaftlichen Nischendasein zu einer viel beachteten Leitwissenschaft. Die Zahl der Psychologie-Studierenden verzehnfachte sich zwischen 1960 und 1980. Heute zählt Psychologie zu den beliebtesten Studienfächern in Deutschland. Deshalb hat der psychologische Blick auch die Seelsorgelehre entscheidend erweitert und verändert. Für manche dient eine Psychotherapie sogar als Ersatz für Seelsorge, obwohl die Psychologie wenig zur spirituellen Dimension des Menschseins sagen kann und die Fragen nach Schuld und Vergebung unbeantwortet lassen muss.

Seit den 1960er Jahre breitete sich in der klassisch-kirchlichen Seelsorgeausbildung die so genannte Seelsorgebewegung aus, in der eine intensive Übernahme humanwissenschaftlicher, insbesondere psychologischer Methoden stattfand. Durch die für Pfarrer und später auch Pfarrerinnen obligatorische klinische Seelsorgeausbildung setzte ein markanter Professionalisierungsschub ein. Bis dahin orientierte sich die vorherrschende „verkündigende Seelsorge“ primär an der Bibel als Wort Gottes und verstand Seelsorge im Prinzip als „Predigt an den Einzelnen“. Auch  in den evangelikal orientierten Seelsorgeausbildungen setzte sich seit den 1980er Jahren der neue Trend durch, psychologische Einsichten konstruktiv mit biblisch-theologischen Einsichten zu verbinden. Ein besonderer Schwerpunkt der Seelsorgebewegung lag in der Wahrnehmungsschärfung dafür, welche Bedeutung die Person der Seelsorgerin oder des Seelsorgers in der Beziehung einnimmt. Die Relevanz ihrer Haltung, Ausstrahlung, ihres Einfühlungsvermögens und ihrer Aufmerksamkeit für die ratsuchende Person kann kaum überschätzt werden. Dafür ist von ihr eine intensive Selbstwahrnehmung und Auseinandersetzung mit der eigenen Person gefordert.

Michael Hübner verfolgt mit dem Curriculum der Stiftung Therapeutische Seelsorge das Ziel, biblisch-theologische Einsichten und psychologisch geschulte Selbsterkenntnis bestmöglich zu verbinden, um kompetente und nachhaltig wirksame Seelsorger und Seelsorgerinnen auszubilden. In der zu Michael Hübners Ehren herausgegebenen Festschrift sind wissenschaftliche Beiträge von Ausbildenden, Weggefährten/-innen und Schülern/-innen ihm zusammengestellt. Dabei ist ein thematischer Blumenstrauß entstanden:

 Im ersten Teil werden Grundlagen gelegt und ist die Historie der Stiftung Therapeutische Seelsorge berücksichtigt. In einem Beitrag von Petr Ondracek  wird die Individualpsychologie überblickartig darstellt. Diesem Artikel folgt eine Erarbeitung des Lebens und Wirkens von Reinhold Ruthe, der elementaren Einfluss auf die Gründung der Stiftung Therapeutische Seelsorge hatte, durch Annekathrin Martella. Samuel Pfeiffer beschäftigt sich mit dem Widerstand zur Seelsorge durch ein Unbehagen in der Kultur der Psychotherapie.

Im zweiten Teil werden theologische Aspekte aufgegriffen und in Zusammenhang zur individualpsychologischen Seelsorge gestellt. Gebhard Weik schreibt darüber, dass Gott in Beziehung Menschen in Beziehung macht. Johannes Reimer stellt ein Konzept vor, das zur Heilung von Erinnerungen beitragen kann.

Im folgenden psychologischen Teil ist die Individualpsychologie im Fokus. Michael Utsch fragt, ob die Individualpsychologie eine christliche Beratungsform ist. Matthias Otte bringt die individualpsychologische Lebensstilerarbeitung mit systemischen Interventionen ins Gespräch, und Anette Schubert beschreibt pastoraltherapeutisches Stressmanagement im interkulturellen Kontext.

Im vierten Teil sind Artikel zu finden, die Psychologie und Theologie integrieren. So beschreibt Michael Hübner die von ihm entwickelte Verantwortungsseelsorge aus individualpsychologischer und theologischer Sicht. Martina Kessler geht sowohl theologisch also auch soziologisch den Fragen nach Macht und Machtmissbrauch im seelsorgerlichen Prozess nach und erarbeitet einen Ertrag für die individualpsychologische Seelsorgearbeit. Thomas Acker beschreibt individualpsychologische Lebensstilveränderung im Abgleich mit Veränderung durch den Heiligen Geist.

In Teil fünf werden dann die Chancen der Seelsorge aufgezeigt. Christa Hübner zeigt an einem Praxisbeispiel den Verlauf gelungener Seelsorge. Werner Schäfer beschreibt multidisziplinäre Perspektiven der Individualpsychologie im Zusammenhang mit dem Resilienzmodell. Das Buch endet mit einem Artikel von Reinhold Ruthe und biblischen Impulsen zum „neuen“ Menschen.

 

Dr. (UNISA) Martina Kessler
Akademie für christliche Führungskräfte
Beraterin, Seminarleiterin, Buchautorin