Der heutige Gastkommentar ist eine Buchrezension von Ute Meiswinkel zum Buch von Utsch, Bonelli, Pfeifer mit dem Titel Psychotherapie und Spiritualität.
Ganz herzlichen Dank für diesen wertvollen Impuls.

M. Utsch, R.M. Bonelli, S. Pfeifer, Psychotherapie und Spiritualität, Springer Verlag, 2. Auflage 2018

Welche Rolle spielt der Glaube in Therapie und Beratung? Haben z.B. das Gebet und persönliche Werte im Gespräch einen Platz, oder gelten sie als „unprofessionell“? Unterscheiden sich diesbezüglich Psychotherapie und Seelsorge ? Befruchten bzw. ergänzen sie einander? Der „spiritual turn“ hat auch den deutschsprachigen Bereich der Psychotherapie erreicht. Die Autoren legen daher den gemeinsamen Schwerpunkt darauf, zu verstehen, wie sich religiöse Überzeugungen und spirituelle Praktiken auf den therapeutischen Prozess auswirken. Sie sind langjährig psychotherapeutisch erfahrene Experten und Dozenten aus drei deutschsprachigen Ländern (Schweiz, Österreich, Deutschland), die mit unterschiedlichem Berufsalltag und verschiedenen Therapieausbildungen unterwegs sind. Jeder bringt seine jeweiligen Arbeits- und Forschungsschwerpunkte ein und erläutert diese anschaulich durch Beispiele aus der Praxis und zahlreiche Quellenangaben.

Es wird deutlich, dass in einer personalisierten Behandlung die kulturelle Prägung, die persönlichen Wertvorstellungen und Glaubensüberzeugungen als Ressource der Ratsuchenden möglichst erhoben und berücksichtigt werden sollten – aber genauso als potentieller Ausdruck und Teil der thematisierten Problematik erkannt werden müssen. Dazu ist die Reflexion des eigenen spirituellen Standpunktes für die Therapeut(inn)en unerlässlich. Sehr deutlich wird an verschiedenen Stellen, dass es nicht um eine „Vermischung von wissenschaftlicher Heilbehandlung und weltanschaulicher Heilsvermittlung“ geht, sondern um die hilfreiche Integration von Spiritualität und Psychotherapie. Die Kapitel „Verbitterung und Vergebung“, „Hochreligiöse Patienten in der Psychotherapie“ und „Selbsttranszendenz und Narzissmus“ sind für mich Höhepunkte des Buches - vielleicht ausgefallene Themen, jedoch sehr prägnant geschrieben und für die praktische Seelsorge relevant. Wegen der thematischen und sprachlichen Dichte habe ich das Buch nicht am Stück gelesen, sondern immer wieder neugierig zur Hand genommen – und das bestimmt nicht zum letzten Mal.

Insgesamt war die Lektüre für mich horizonterweiternd und hat mir dabei geholfen, die Tätigkeit als Seelsorgerin/Beraterin einzuordnen und wertzuschätzen.
 
 
Dr. med. Ute Meiswinkel
Ärztin, Therapeutische Seelsorgerin,
Coach für AD(H)S-Familien
76669 Bad Schönborn
www.beratung-meiswinkel.de